ao. Ganoven GV

 

Ich blinzle in die untergehende Sonne, die noch den Innenhof reicht, nehme einen letzten Zug und schnippe die Kippe weg.

Ein Rothaariger, Dohan, Johan oder so ähnlich, eilt vorbei, nickt flüchtig und verschwindet in der Tür. Dohan, Johan – oder doch Malcolm? – ist Brite und macht in Vorortszügen. Ist nichts für mich! Da muss man früh raus, wenn die Kasse stimmen soll. Er liebt die Schweiz. Und vor allem die gut belegten S-Züge am Morgen. Eigentlich ist er Wirtschaftsflüchtling. Aber echte Wirtschaftsflüchtlinge sind schwarz, sagt der Volksmund.

 Ich trete durch den Eingang und schlurfe vorsichtig vorwärts, um meine Augen ans Zwielicht zu gewöhnen. Ich folge den Gesprächsfetzen und erreiche die Schwelle zum Versammlungsraum.

Vor der Bühne sind ein paar Stuhlreichen im Halbkreis aufgestellt. Auf der Bühne der breite Vorstandstisch ohne Blumenschmuck, weil auch bei den Floristen aktuell nichts zu holen ist, und das Rednerpult. Die Verbandsfahne und ein paar aufmunternde Parolen verdecken die hässliche Wand dahinter, von der Farbe abblättert.

"Hallo Roland. Schön, dass du es einrichten konntest." Marc lächelt mich an.

"Hab ja sonst nichts zu tun."

 "Sind schwierige Zeiten, du sagst es. Waffen, Kampfgeräte?"

"Marc! Wie lange kennst du mich jetzt schon. Gewalt ist nicht mein Ding. Nein, ich habe nichts dabei – außer Feuerzeuge gelten neuerdings als Waffen und Kampfmittel."

 "Sorry. Ich muss fragen. Bruno, du weißt…"

 "Ist ok."

 "Du kannst rein." Marc winkt mich durch.

 Auf der Bühne spricht Bruno mit Wolfgang, einem Auftragsschläger mit Testosteronüberschuss. Wolf und seine Truppe auf Öko-Demos spezialisiert.

"Ist ne boomende Branche", erklärte Wolf mal, "TCS, Pharma, Landwirtschaft – man glaubt gar nicht, wer uns so alles beauftragt, die Demos ein bisschen aufzumischen."

Sein Auftrag ist stets derselbe: Veranstaltung stören, Sicherheitskräfte provozieren, bis diese eingreifen und die Ökofreaks mit unzimperlichen Mitteln auseinandertreiben. Ich bin schon lange der Meinung, dass sich Wolfs Schläger und die Polizisten nur in der Bezahlung unterscheiden. Hüter des Gesetzes zu bleiben hat viel mit Idealismus zu tun.

Es sei eine win-win-Situation, dozierte Wolfgang mal an einem Weiterbildungssemiar des Verbandes. Friedliche Demos fänden höchstens als Randnotiz im Regionalteil Erwähnung. So aber schaffen es die Kundgebungen auf die Titelseite. Wolfgang kann gut in Euphemismen und hätte eine glänzende Zukunft als CEO eines Großkonzerns.

Walter, der Aktuar, und Gianni, der Kassier, sitzen angespannt am Vorstandstisch und blicken bedeutungsschwer auf die Mitglieder, die nach und nach eintrudeln und Platz nehmen.

Walter ist Dokumentenfälscher und freute sich nach seiner Wahl zum Aktuar, endlich mal was Echtes machen zu können.

Gianni kann kein Wort Italienisch und heißt wahrscheinlich Hans. So genau weiß das niemand. Mit Schutzgelderpressung bestreitet er nicht nur seinen eigenen Lebensunterhalt, sondern sorgte auch für volle Verbandskassen. Erst letztes Jahr wurde er dafür zum Ehrenmitglied ernannt.

Ich erblicke Stefan, den Trickbetrüger. Ich mag ihn. Einer von der alten Schule, der Berufseifer mit Anstand und Moral verbindet. Sein Anzug wirkt abgetragen. Früher schwamm er in Kohle, war stets das bestangezogene Verbandsmitglied. In den letzten Jahren aber musste er unten durch, weil die lukrativen Tricksereien an der Börse heute durch die Großbanken dominiert sind. Die Gierhälse aus den Glaspalästen haben Kleinunternehmer wie ihn rausgedrückt, bedauert er.

"Darf ich?"

Stefan blickt hoch und lächelt: "Du hier? Schön! Ja, setzt dich. Ist frei."

"Danke."

"War auch schon mehr los hier."

"Ja. Die Coronakrise macht vielen zu schaffen. Habe gehört, dass Claude sich nach einem ehrlichen Job umschaut."

"Echt jetzt? Eigentlich nicht wirklich verwunderlich. Er hatte schon immer was von einem Aussteiger."

"Tja", Stefan öffnet die Mappe auf seinen Knien und blättert. Er spricht wenig außerhalb der Arbeitszeit. Ein weiterer Grund, ihn zu mögen.

Ich mustere die Anwesenden. Zwei Reihen weiter vorne sitzt Sven-Kevin. Neueinsteiger. Spezialisiert auf Einfamilienhausbruch. Als Einzelgänger schon in normalen Zeiten kein Zuckerschlecken. Denn was für Börsenbetrügereien die Großbanken, sind in der Einfamilienhaus-Einbruch-Branche die Ost-Clans. Beide sind Monopolisten, die dem Ruf der Branche schaden. Aktuell kommt noch erschwerend dazu, dass die Leute dauernd zu Hause rumlungern.

Neben ihm hockt Robert. Einige im Verband meinen, er sei Undercover-Polizist. Mag sein, dass er mal Polizist war. Und wenn schon. Es spricht für ihn, die Seite gewechselt zu haben. Im Autodiebstahl-Metier sind die Arbeitszeiten moderater. Er reitet momentan ohnehin eine Erfolgswelle, weil die aufstrebenden Jungmanager mit den fetten Autos im Home-Office blockiert sind. So kann Robert ohne Zeitdruck arbeiten.

"Maximilian ist auch da", Stefan blickt kurz aus seinen Unterlagen auf und deutet mit dem Kinn zur anderen Wand, "hätte nicht gedacht, dass er freiwillig raus geht. Gerade jetzt."

Maximilian ist Hacker. Spezialisiert auf online-banking. Leicht versnobt, doch eigentlich ein herzensguter Kerl. Hat der Witwe von Patrick finanziell unter die Arme gegriffen. Dabei war Patrick selber schuld: dumme Idee, volltrunken mit der Polizei eine Verfolgungsjagd zu inszenieren. Maximilian hat die HSG cum laude abgeschlossen und setzte das Gelernte gleich in der Wirtschaft, wo er um.

Lange hielt er nicht durch und sattelte um: "Als Hacker mache ich was viel Ehrlicheres, als wenn ich die gelernten Managementregeln in der Wirtschaft umsetze."

Ein paar Meter hinter Maximilian steht Blattmann in einer Ecke, wo die Beleuchtung des Raumes nicht richtig hinkommt. Blattmann hat keinen Vornamen. Er macht mit Lebendorganen und beliefert zuverlässig Privatkliniken, die mit Alpen- oder Seeblick.

Ich fragte ihn mal, ob er es moralisch findet, dass er den Reibach macht und die Spender gerade mal Almosen abkriegen.

 "Reibach? Dir fehlt der Durchblick. Während ein Spender gut und gerne ein Jahr von einer Niere leben kann, reicht meine Gewinnspanne gerade mal für zwei Wochen", er seufzte, "Die Fixkosten, Löhne für die lokalen Mitarbeiter und Marketing. Das geht ganz schön ins Geld."

Am Vorstandstisch schlägt Walter den Gong und die wenigen Gespräche im Versammlungsraum verstummen. Bruno tritt hinter das Rednerpult und räuspert unanständig ins Mikrofon.

Ich mag Bruno nicht. Ein aufgeblasener Kerl, der den Verband seit Äonen präsidiert. Es geht das Gerücht, dass Bruno bei potentiellen Sprengkandidaten Wolfgang vorbeischickt, um die Ernsthaftigkeit ihrer Kandidatur zu prüfen.

Vor fünf Jahren drückte er seine Festanstellung als Geschäftsleiter 'Verband abendländischer Kleinkriminieller, Sektion Schweiz' durch. Kurz darauf hängte er seine Karriere als Tresorknacker an den Nagel. Er wolle, behauptete er, sich 100%-ig für den Verband engagieren. Ich bin sicher, dass er die Tresorknackerei aufgab, weil durch die gravierende Unart der bargeldlosen Zahlungen kein Cash mehr zu greifen ist.

Dass er jetzt seinen Lebensunterhalt aus Verbandsgeldern bestreitet, geht von mir aus noch in Ordnung. Was mich aber stört ist, dass ein Verbandspräsident, der selber nicht mehr aktiv ist, die Alltagssorgen der Verbandsmitglieder schlecht nachvollziehen kann.

Zum anderen ist er ein Aufschneider. Ich erinnere mich, wie er vor Jahren damit brüstete, einen Lobbyisten-Batch für das Bundeshaus zu haben. Allerdings nicht für lange, denn sein Parlamentarier forderte diesen bald zurück. Bruno behauptet bis heute, den Batch selber zurückgegeben zu haben, weil a) die Lobbys Auto, Landwirtschaft und Pharma ihn nicht für voll nahmen und er b) erkennen musste, dass unser Verband nicht systemrelevant ist.

Wie sagte er? 'Wir ergaunern der Allgemeinheit viel zu wenig aus den Taschen, um systemrelevant zu sein.' Das ist so ziemlich die einzige Aussage, die ich mit ihm teile.

Bruno blickt mit wolkenverhangener Stirn in die Runde: "Liebe Verbandsmitglieder. Ich heiße euch alle willkommen. Aus nachvollziehbaren Gründen ist die Presse abwesend…"

Vereinzelte Lacher – ich blicke mich um. Wahrscheinlich Neumitglieder, denn diesen Witz bringt Bruno jedes Jahr.

"… zum einzigen Traktandum. Wir alle betrachten uns als selbständig Erwerbende. Der Vorstand hat beschlossen in dieser Versammlung darüber zu diskutieren und abzustimmen, ob wir beim Bund einen Corona-Rahmen-Kredit beantragen sollen…"